Freitag, 13.Juli 2001 (Frankenberger Zeitung)
Ausstellung im Kreisheimatmuseum: Exponate vom Kriegsgefangenenlager in Frankenau
Marken, Morphium und viele Kondome
FRANKENBERG (höh). Auf dem ehemaligen Gelände eines Kriegsgefangenenlagers vor den Toren der Ferienstadt gingen Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg auf Spurensuche. Bei gezielten Grabungen förderten sie Fundstücke aus der Zeit des zweiten Weltkriegs zu Tage. Die interessantesten Exponate von deutschen Landsern - darunter Erkennungsmarken ohne Namen, Medikamentenfläschchen, Münzen und Kondome - zeigt die Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg Ederbergland im Kreisheimatmuseum.
Sprecher Hans-Joachim Adler erinnert uns an die Geschichte: Am 8. März 1945 setzten Einheiten der ersten US-Armee unter General Hoges bei Remagen über die Rheinbrücke und bildeten am östlichen Ufer einen Brückenkopf.
Daraus begannen sie am 22.März mit ersten Ausbruchversuchen. Die 15. Armee unter General Flörke versuchte mit allen Mitteln diesen Brückenkopf wieder einzudrücken. Am 23. war dieser schon 48 km breit. Am 24. setzten fünf US-Infanteriedivisionen mit drei Panzerdivisionen zu einem Umfassungsangriff auf das Ruhrgebiet an.Schon am 28. standen die Truppen, die auf nur wenig Widerstand stießen, auf der Höhe Biedenkopf - Marburg - Gießen.
Die 3. Panzerdivision hatte nun den Auftrag, von dort über Battenberg - Frankenberg in nördliche Richtung auf Paderborn vorzustoßen. Die dritte "Spearhead" (Speerspitze) Panzerdivision schaffte es am 29.März mit ihrer Truppe, sich nach einem Vorstoß über 120 km mit der 9.US-Armee bei Paderborn zu vereinigen. Der Ruhrkessel war geschlossen - und darin über 200.000 deutsche Soldaten.
Bei diesen raschen Vorstößen wurden unzählige Gefangene genommen. Schnell wurden Areale mit Stacheldraht eingezäunt, in denen die Kriegsgefangenen zusammengetrieben wurden. So auch in Frankenau. Über die Zahl der Gefangenen dort gehen die Aussagen stark auseinander: Einige berichten von mehreren hunderttausend, andere nur von 40.000 Gefangenen. Sicher ist, daß viele Tonnen Material von deutschen Landsern in Frankenau geblieben sind.
Die Waffen wurden bereits bei der Gefangennahme abgenommen. Im Sondierungslager, wie in Frankenau, musste jeder Soldat auf einem Tuch alle Gegenstände ablegen. Die amerikanischen Bewacher sortierten die Dinge; behalten durften die Soldaten nur ihr Soldbuch und die Erkennungsmarke,, alles andere wurde in vorbereitete Löcher geworfen, mit Benzin übergossen und angezündet.Zeitzeugen gesucht
Nach Schätzungen der Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg müssen in den nächsten Jahren etwa 40 Tonnen Erdreich untersucht werden. Etwa eine Tonne wurde kürzlich bei zwei Grabungen umgedreht - das Ergebnis ist in den Vitrinen zu sehen. "Wir haben gezielt gesucht mit einer Tiefensonde", erläutert Adler den Arbeitseisatz. Die AG plant jedes Jahr eine Bergung mit Ausstellung im Heimatmuseum.
Adler bedauert, daß dafür in Frankenau keine geeigneten Räume bereit stehen. "Heutzutage hat fast jede Gemeinde eine Heimatstube oder ein Museum."
Die Initiative zu der Bergung der Fundstücke ging vom Eigentümer des Grundstücks aus. Weil von dem ehemaligen Gefangenenlager auch Filmaufnahmen existierten, hatten schon ortsfremde Interessenten "angeklopft" und wollten den "Schatz" heben. Aber die Exponate sollen in der Heimat bleiben, wünscht der Grundstücksbesitzer. Gefunden wurde viel zerschlagenes Geschirr,verrostete Schlösser und Schlüssel, Türbeschläge, Entgiftungsmittel aus Gasmasken, Pfeife, Sturmfeuerzeug, Uhren, Koppelschlösser und zerschlagene Spiegel.
Aber auch verschiedene Medikamentenröhrchen, Spritzen und eine winzige Ampulle mit einer orange gefärbten Flüssigkeit. "Wahrscheinlich Morphium", mutmaßt Adler. Außerdem wurden etliche Präservative ausgegraben. "Jeder Landser mußte eins in der Tasche haben, sonst durfte er die Kaserne nicht verlassen", erläutert der Frankenauer.Zu der vierwöchigen Ausstellung sucht Museumsleiterin Doris Reinius Zeitzeugen, die die Geschichte mit ihrem Wissen erhellen können.
Das Kreisheimatmuseum in ehemaligen Landratsamt in Frankenberg ist dienstags und donnerstags von 10 - 12 Uhr und mittwochs und sonntags von 15 - 17 Uhr geöffnet. Gruppen werden auch nach Vereinbarung geführt (el.06451 / 743672 oder 1515)